Aktuelles
Programmankündigung für Karfreitag, 29.3.2013, Jazzkeller Frankfurt:
GESCHLOSSEN, WEGEN EINER VERSTAUBTEN BESTIMMUNG
Daneben das Schild „Swing tanzen verboten“, das, wie sich herausgestellt hat, keine Nazierfindung ist.
Nachfolgend die Information über die wirkliche Entstehung dieses Schildes:
„Wir brauchten damals für das Doppelalbum […] eine plakative Front. Unser damaliger Chef Kurt Richter erinnerte sich an solche Verbotsschilder und gab unserem Tatsachensachbearbeiter [sic!] entsprechende Hinweise. Der setzte sich dann mit dem Grafiker Joop Schöningh zusammen. Schöningh entwickelte das Schild mit echter Emaille, es sah wirklich toll aus und jeder wollte es haben.“ (Knud Wolffram, Tanzdielen und Vergnügungspaläste. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 1992)
Die Weiterverbreitung des falschen Verbotsschildes wurde von Wolfframs Enthüllung jedoch keineswegs gestoppt. Wie Marc Fabian Erdl und Armin Nassauer ausführten, http://books.google.de/books?id=YuWUYLISGMUC& fand sich das Foto 1994 in Franz Ritters Buch „Heinrich Himmler und die Liebe zum Swing“ wieder und ist bis heute immer wieder Bestandteil kulturhistorischer Power-Point-Präsentationen. Und weil sich die Botschaft so gut zur Illustration eignete, bat man selbst Zeitzeugen mit dem Schild zu posieren, etwa den Jazz-Musiker Emil Mangelsdorff, der drei Monate lang in Gestapo-Haft war: http://www.synagoge-voehl.de/archiv/Presse/HNA/Artikel/12_02_29.htm
Zur Verwendung des Schilds im Programm für den Karfreitag 2013 im Jazzkeller schrieb Martin Ohlsen am 29.3.2013 an den Jazzkeller Frankfurt:
Sehr geehrte Damen und Herren,
auf Ihrer Homepage schreiben Sie für den heutigen Karfreitag "Swing tanzen verboten". Über die gesetzlich verankerte Klassifizierung des Karfreitags als "stiller Feiertag" lässt sich auf der Sachebene natürlich diskutieren.
Ihre oben genannte Bemerkung, die sicher kritisch gemeint ist, macht auf mich aber eher einen unkritischen Eindruck, den Sie so sicher nicht bezweckt haben. Dazu nur zwei Argumente an dieser Stelle: Wir leben gottseidank nicht (mehr) in Zeiten, in denen Kultur, Musik und Jazz ideologisch vereinnahmt, missbraucht und verboten werden. Wichtiger aber ist mir, dass die Vernichtungs- und Verbotspolitik des Naziregimes, zu der auch das Verbot des Jazz/Swing gehörte, durch das Hineinstellen in einen ganz anderen Kontext relativiert und verharmlost wird.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie solches beabsichtigten.
Mit jazzigen Grüßen,
Martin Ohlsen
Antwort von Eugen Hahn, Jazzkeller Frankfurt:
Hallo Herr Ohlsen,
natürlich kämen wir nie auf den Gedanken, die vom scheidenden (verstaubten) "Ordnungsderzernenten" (FDP) 2011 in Erinnerung gebrachte Bestimmung irgendwie mit der Verbotspolitik der Nazis in Verbindung zu bringen.
Dass jedoch ein mehr oder weniger gewählter Volksvertreter ein derart rigides Vorgehen unter Androhung hoher Strafzahlungen ("...die wirtschaftlich an die Substanz gehen sollen...") an den Tag legt, inspiriert zu jeder nur denkbarer Satire.
Selbst die voriges Jahr kontrollierende Polizei verdrehte entschuldigend die Augen bei Kontrollen.
Es hatte sich schon viele Jahre eine Art Gewohnheitsrecht eingebürgert, wonach um 0:00 Uhr Karfreitag zu Ende war.
Uns besuchten am Gründonnerstag (wir schlossen Gesetzestreu um 0:00 Uhr) viele Leute aus verschiedenen Ländern, denen man Ostern im säkularen Staat jetzt erklären mußte.
In "richtigen" Städten wie Hamburg oder Berlin beachtet sowieso niemand diesen Quatsch.
Wir lassen geschlossen, da man nicht sicher sein kann, ob ein Konzert mit Blues- oder Jazz mit Funky- oder Swingelementen unters Verbot fällt, falls doch jemand seine Hüften bewegt.
Wenn man bedenkt, daß es nicht soooo lange her ist, daß im Namen Gottes die letzten vermeintlichen Hexen (sogar Kinder) verbrannt wurden, ist dieses Schild doch ein harmloser, geradezu Scherz, der übrigens KEINE Nazierfindung war.
Sorry,
Eugen Hahn, Jazzkeller Frankfurt
FRANKFURTER JAZZSZENE
Artikel in der FAZ vom 7.1.2013:
www.faz.net/aktuell/rhein-main/junge-jazzmusiker-wo-geht-s-denn-hier-zur-szene-12016487.html
WO GEHT'S DENN HIER ZUR SZENE?
von Felix Wittstock
"Keine staatliche Ausbildung mehr, wenig Musiker, kaum Auftrittsmöglichkeiten: Junge Jazzmusiker in Frankfurt versuchen, daraus das Beste zu machen. Eine Erkundung."
Und hier eine Antwort von Eugen Hahn, Jazzkeller:
Hallo Felix Wittstock,
dein Artikel soll sicher aufrütteln...?
Es ist zwar schade, daß es keine "staatliche Ausbildung" mehr gibt, auch schade um jede Bühne, die schließen musste; doch unsere (original Frankfurter) wirklichen Top Jazzmusiker wie u.a. Heinz Sauer, Mangelsdorffs, Christof Lauer, Tony Lakatos, Daniel Guggenheim, Christof Sänger... hatten übrigens keine "richtige" (spezielle) JAZZausbildung. Einfach Musik studieren und Erfahrung sammeln, hilft anscheinend viel mehr, ein Original entstehen zu lassen, als eine "Fach"-Ausbildung, die mehr den Lehrern nützt, die dann das dazugehörige Know How anbieten.
Weißt Du, es ist völlig egal, ob es hier eine Musiker-Szene wie in Berlin, Paris oder gar New York gibt. Es ist in der heutigen Welt auch egal, ob die Musiker der Jungen Szene oder anderer Konzerte (nur) aus Frankfurt kommen oder nicht. Es gibt tatsächlich kaum Auftrittsmöglichkeiten, ganz einfach, weil es wenig Publikum gibt. Frankfurt hat nun mal keine brodelnde Jazz(Musiker)Szene, denn wovon sollen freiberufliche Künstler (jedes Zweiges) in dieser teuren Stadt, fast ohne Nischen, ihre Existenz finanzieren? Wie Valentin schon sagte: "... ohne festes Engagement keine Chance..." Das ist aber nicht wirklich schlimm.
Solange Musiker mit dem selbstgewählten Beruf nicht mehrere hundert Leute in einen Saal ziehen, ist es wie es ist, und zwar genau wie sonstwo in der Welt. Was ist eigentlich "Die Szene"? Viele hier lebende Musiker oder besser, viel interessiertes Publikum?
Das Jazzkonzert Publikum ist nun mal ein kleiner Kreis von Interessenten, der sich jedoch in letzter Zeit vergrößert und auch verjüngt.
Noch ein Ausschnitt aus Deinem Artikel:
"…sieht eine Lücke zwischen kleinen Bühnen wie dem „Jazzkeller“ und den Hochglanz-Konzerten in der Alten Oper oder beim Deutschen Jazzfestival, das alljährlich im Frankfurter Sendesaal des Hessischen Rundfunks stattfindet unter Mitwirkung der hr-Bigband… Mit den lokalen Musikern habe die traditionsreiche Großveranstaltung allerdings wenig zu tun. „Die Szene wird nicht eingebunden."
Eugen: Das stimmt nicht so, man bindet so gut es geht (wahrscheinlich zähneknirschend) die Szene ein, lies mal das letzte Festival Programm durch. Mehr, als dort im Programm steht, gibt die lokale Szene nun mal im internationalen Vergleich nicht her.
Ich sehe übrigens keine wirkliche "Lücke…". Wir z.B. müssen fast nie Besucher, die bis zu Beginn eines Konzertes kommen wegschicken, selbst wenn die Größten des Jazz aus aller Welt auf der Bühne stehen.
Es gab Investoren, die in allen großen Städten einen 200 Plätze Konzert-Restaurant Club gründen wollten. Frankfurt fiel als erster Ort durch, es hätte sich nicht gerechnet.
Bei der Gründungsparty der "Jazzinitiative", 1990, übrigens im Jazzkeller, verkündeten die damals im Amt befindlichen Politiker und auch verschiedene Musiker, unbedingt etwas zur Stärkung der lokalen Szene tun zu wollen.
Die einzige regelmässige Veranstaltung "Junge Szene Rhein / Main" läuft nun aber doch wieder ausschließlich in Privatinitiative von Musikern, und schooon wieder nur im Jazzkeller.
Lieber Felix,
Immer wieder gehts in den Erkundungen (nicht nur in Deinen) ausschließlich um eine verloren gegangene Szene (die der 50er Jahre?)…
Ich hätte gern zusätzlich einen Absatz gelesen, der dem Publikum, den Besuchern der Stadt (Leuten, die die Szene aus aller Welt durch ihren Ticketkauf unterstützen) zeigt, was es Großartiges oder auch "nur" Liebenswertes, wie z.B. im Mampf usw., in Sachen Jazz wöchentlich zu genießen gibt. Daß es sich lohnt, jeden Abend das Hotel zu verlassen, um ein Konzert zu besuchen. Siehe z.B. unser Programm (nebst Verlinkungen): Jede Woche steht neben der "Szene" eine europa- oder weltklasse Besetzung auf der Bühne.
Auch daß wir hier einen Konzertclub haben, der jetzt 60 Jahre alt wurde und mit das Beste in Sachen Jazz - noch dazu regelmäßig - bietet, ist doch etwas Besonderes.
Willkommen bei einer nächsten Recherche, schöne Grüße und ein supererfolgreiches Jahr,
Eugen
Jazzkeller Frankfurt
Seit 1952 Weltstars hautnah!
World Stars - up close and personal!
info@jazzkeller.com
Visit us on the Internet at www.jazzkeller.com
Weitere Kommentare bitte gern an mischi@mampf-jazz.de
Stichwort "Jazzszene Frankfurt"
100 Jahre Jazz in Frankfurt
60 Jahre Jazzkeller
40 Jahre Mampf
MEILENSTEIN
Das Wirken und Werken im Netz der Netze ist trotz aller aus Facebook-Revolutionen und Youtube-Karrieren gespeisten Faszination doch gemeinhin von schaler Ineffizienz gebeutelt. Je aktiver man sich im WWW gebärdet, desto offensichtlicher wird doch: Erwarte niemals mehr als den sympathischen Hauch eines selbstgenügsamen Vergnügens! Die hierfür verprasste Onlinezeit und bemühten Aktualisierungstätigkeiten werden uns in ein paar Jahren als Geisteskrankheit unserer Generation vorgehalten. Trotzdem hatten wir unseren Spaß.
Nun, was war das nun gerade doch für ein schwerfälliger Einstieg zu einem Artikel, der sich im Folgenden der wundervollen Verquickung von Online- und Offline-Aktivitäten verschreibt. Und das auf schwerem Geläuf: Denn - die diesem Blog schon länger treuen Leser mögen sich erinnern - eine meiner augenfällig sinnfreiesten Tätigkeiten meiner Blogdatenproduktion war wohl die Dokumentation der Berliner Straßen und Plätze in den Weiten der Republik.
Bei diesen Dokumentationen sind mir die an solchen Orten oft platzierten Berlin-Kilometersteine stets eine besondere Freude gewesen. So bildete eine Foto-Auflistung der bei meinen Reisen entdeckten Steine nach 101 dokumentierten Straßen den folgerichtigen Abschluss der Serie. In ebenjenem Artikel hatte ich darum gebeten, mir die Vorkommen weiterer Berlin-Kilometersteine per Mail zu melden - ein Aufruf, der nicht völlig unerwartet ohne Antwort blieb.
Zwar nur aus Papier, aber in Originalgröße: Der Frankfurter Berliner Bär im Mampf!
Nun durfte ich aber kürzlich erfahren, dass meine Serie nicht vollends unerhört in den Weiten des Webs verhallt. Dass ich mitnichten der Einzige bin, den solche Berlin-Steine erfreuen.
Ein Jazzkneipenbetreiber aus Frankfurt geht da einen Schritt weiter ins reale Leben und engagiert sich für die Wiedererrichtung solcher Steine, die die Bundesregierung in den 50er und 60er auf eine Initiative von Gerd Bucerius an westdeutschen Autobahnen aufstellen ließ. Der Bund der Berliner und Freunde Berlins (BdBFB) ließ weitere Steine errichten, so dass deren Anzahl auf rund hundert Stück anwuchs. Und auf eine unbekannte Zahl wieder sank, denn viele dieser Steine wurde indes und insbesondere nach dem Fall der Mauer abgebaut und vermodern in Autobahn-Meistereien. Oder verschwanden spurlos.
Michael Damm spürt diesen Berlin-Steinen nach, geriet darüber auch auf meine Blog-Rubrik und mein letzter Auftritt in Frankfurt bot die Gelegenheit zum Berlinkilometersteinerfahrungsaustausch im "Mampf". Bei Bier und Chili erfuhr ich vom erfolgreichen Comeback des Bad Vilbeler Berlin-Steins (360 Kilometer), aber auch vom abgewehrten Antrag, den Frankfurter Stein (350 Kilometer) aus dem Waisenhaus der Autobahnmeisterei zu befreien und an der Frankfurter Berliner Straße (über deren trostlosen wie referenzarmen Zustand ich bereits berichtete) wieder sichtbar zu machen. Lokalpolitiker gegen Hauptstadtsteine - was sollen wir denn davon halten?
Nun, wir errichteten kurzerhand eine Kopie des Frankfurter Berlinsteins im "Mampf", so dass zumindest die Leser dieses Blogs das Antlitz dieses Steins erahnen dürfen. Mit den ausgewiesenen 550 Kilometern würde er in unserer Foto-Auflistung zwischen Mainz und Solingen landen.
Und das Treffen in Frankfurt soll natürlich Anlass sein, weitere Kilometer-Lücken in dieser Liste zu schließen...
Relaunch in Kürze.
Frankfurt, den 29.05.2011
PIANO RESTAURIERUNG
Am Piano des Jazzlokals Mampf zu Frankfurt am Main ist eine wohl einmalige und nahezu vollständige technische Restaurierung durch Klavierbaumeister Ingmar Pfeffer, Kelkheim am Taunus, vorgenommen worden Bei der aufwändigen Reparatur wurden unter anderem sämtliche Stimmwirbel und alle Saiten erneuert, so daß von jetzt an über mehrere Jahrzehnte hinweg eine regelmäßige Stimmung des bereits heute ca. 80 Jahre alten und mehrmals wöchentlich bespielten Mampf-Pianos gewährleistet ist. Aus Anlaß der Fertigstellung des ersten, wesentlichen Bauabschnitts der Restaurierung (Stimmwirbel nebst Saiten) fand am Mi, 9.6.2004 um 20 h 30 das MAMPF-PIANO-BENEFIZ-KONZERT statt. Es spielte das MATTHIAS SCHUBERT JAZZTRIO mit M. Schubert (p), Gernot Siegl (saxes, fl), Uli Wanka (b).
Mampf-Fans, die sich mit einer Spende an den Kosten der Piano-Restaurierung beteiligen möchten, erhalten für ihr Engagement eine Urkunde mit folgendem Text:
"Der Inhaber dieser Urkunde hat durch seine großzügige Spende dazu beigetragen, daß am Piano des Jazzlokals Mampf zu Frankfurt am Main eine wohl einmalige und nahezu vollständige technische Restaurierung durch Klavierbaumeister Ingmar Pfeffer, Kelkheim am Taunus, vorgenommen werden konnte. Bei der aufwändigen Reparatur wurden unter anderem sämtliche Stimmwirbel und alle Saiten erneuert, so daß von jetzt an über mehrere Jahrzehnte hinweg eine regelmäßige Stimmung des bereits heute ca. 80 Jahre alten Pianos gewährleistet ist. Als Anerkennung für die Mithilfe bei der Überholung dieses Instruments erhält der Spender anhängend einen der 280 alten Stimmwirbel zum Andenken an die vielen Konzerte, für deren Erklingen derselbe jahraus jahrein gesorgt hat."
Mampf, den 09.06.2004